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Vorschau: Gustav Mahler und Wien

Gustav Mahler (1860-1911) gilt als Genie des Fin de Siècle und Wegbereiter der Neuen Musik. 2010 wird der 150. Geburtstag, 2011 der 100. Todestag des berühmten Komponisten gefeiert, der zehn Jahre lang die Wiener Oper leitete.

Gustav Mahler kannte Wien bereits aus seinen Jugendjahren. Aus Böhmen kommend hatte der 15-Jährige in der „Reichshaupt- und Residenzstadt“ ab 1875 am Konservatorium der „Gesellschaft der Musikfreunde“ Komposition und Klavier studiert. Der Hochbegabte, der schon als 10-Jähriger erstmals als Pianist aufgetreten war, wurde von seinen Kommilitonen als „Wunder“ bestaunt und errang bald Preise für seine Vorträge und Kompositionen. Mahler schrieb sich zudem an der Wiener Universität für Kurse in Philosophie, Geschichte und Musikästhetik ein, vertiefte seine Literaturkenntnisse und besuchte die Lehrveranstaltungen Anton Bruckners für Harmonielehre und Kontrapunkt. Das Studium am Konservatorium schloss er als 18-Jähriger 1878 mit Diplom ab. Nach einigen Wanderjahren und Stationen als Kapellmeister und Theaterleiter in Laibach, Olmütz, Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg erhielt Gustav Mahler 1897 die von ihm begehrte Berufung ans renommierte Wiener Opernhaus. In seiner neuen Funktion war er vorerst Kapellmeister, wenig später wurde er von Kaiser Franz Joseph I zum „artistischen Direktor“ der Hofoper ernannt. Zuvor hatte Mahler eines der Hindernisse für seine Berufung, sein Judentum, durch den Übertritt zum Katholizismus aus der Welt geschafft.

Wien um 1900

Wien um 1900 war das kulturelle Zentrum Mitteleuropas, die Hauptstadt eines 51 Millionen Einwohner und 15 Nationen umfassenden Reiches, der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Stadt war durch Zuwanderung und Erweiterungen im 19. Jahrhundert um ein Vielfaches angewachsen und zählte rund zwei Millionen Einwohner. Der Prachtboulevard Ringstraße war erbaut worden, Oper, Burgtheater, Museen und Monumentalbauten entstanden. Es war die Zeit der so genannten „Wiener Moderne“ (rund 1890 bis 1910), in der das Kultur- und Geistesleben der Stadt in Architektur, Musik, Literatur und Malerei eine einmalige Blüte erlebte. Deren bekannteste Repräsentanten sind Otto Wagner, Josef Hoffmann und Kolo Moser, die Gründer der Wiener Werkstätte, Adolf Loos, Arnold Schönberg und seine Schüler wie Alban Berg und Anton von Webern, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Peter Altenberg. Es war die Zeit der Kaffeehausliteraten, der Salons wie jener von Bertha Zuckerkandl, in der die Vertreter des Wiener Jugendstils verkehrten, und die Zeit der Wiener Secession.

Die sich um Gustav Klimt, Otto Wagner, Carl Moll, Kolo Moser und Josef Hoffmann formierende Gruppe bildender Künstler spaltete sich 1897 vom konservativen „Künstlerhaus“ ab und trat für neue Gedanken zur Malerei, Architektur und Plastik ein, gemäß ihres Mottos: „Der Zeit ihre Kunst – der Kunst ihre Freiheit.“ Mahler knüpfte durch seine Frau Alma, Stieftochter des Malers Carl Moll, freundschaftliche Beziehungen zu den Secessionisten. 1902 heirateten der 42-jährige Mahler und die 19 Jahre jüngere Alma Maria Schindler in der Wiener Karlskirche, in diesem Jahr wurde auch die erste Tochter Maria Anna geboren, 1904 die zweite Tochter Anna Justina. Seiner künstlerisch begabten Frau widmete Mahler seine achte Symphonie, ihr selbst hatte er jedoch jegliches kreatives Schaffen verboten. Die „größte Femme fatale des 20. Jahrhunderts“ war in Künstlerkreisen aufgewachsen und wurde für ihre Schönheit bewundert. Sie hatte eine Affäre mit dem Architekten Walter Gropius, die Mahler stark traf. Die daraus entstehende Krise analysierte Mahler mit Sigmund Freud. Nach dem Tod Mahlers heirate Alma den Architekten Walter Gropius und später den Dichter Franz Werfel, sie war Gefährtin des Malers Oskar Kokoschka und weiterer prominenter Männer.

Die Reform der Oper

Das Fin de Siècle, die Epoche des ausgehenden 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhunderts, war eine Zeit des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs, geprägt vom Schwanken zwischen Aufbruch- und Endzeitstimmung, Zukunftseuphorie und Weltschmerz, Erneuerung und Dekadenz. Die Ernennung Mahlers zum Hofoperndirektor bedeutete auch für diese Wiener Institution den Anbruch einer neuen Zeit. Bestimmt von seinem kompromisslosen Kunstethos und vom Streben nach Vollkommenheit leitete er eine grundlegende Opernreform ein. „In jeder Aufführung muß das Werk neu geboren werden“, lautete Mahlers künstlerisches Credo. Er intensivierte die Probenarbeit und führte die Darbietungen von Orchester und Sängerensemble in einem dramatischen Gesamtkonzept zusammen. Damit leitete er den Beginn der neuzeitlichen Operninszenierungen ein, einen begeisterten Mitstreiter fand er in dem genialen Bühnenbildner Alfred Roller. Für einige Jahre, von 1898 bis 1901, hatte Mahler auch die Leitung der Philharmonischen Abonnementskonzerte im Wiener Musikverein über.

Die Wiener Oper erlebte unter Gustav Mahler von 1897 bis 1907 eine Dekade intensivster künstlerischer Erfüllung, das Publikum erlebte wahre Feste für Augen und Ohren. Mahlers kompositorisches Werk hingegen wurde von den Wiener Kritikern recht unfreundlich aufgenommen, etwa die Aufführung seiner beiden ersten Symphonien 1899. Im Ausland aber, vor allem in Deutschland, Holland und auch in Frankreich, gewann der Komponist und Dirigent Mahler immer mehr an Berühmtheit. Mahlers Weltanschauung war von naturreligiösen und philosophischen Theorien geprägt, die in seine Musik mit einflossen und den Nerv der Zeit trafen. Zu den Bewunderern von Mahlers Kompositionen gehörten unter anderem Arnold Schönberg, Alban Berg, Anton Webern, Gustav Klimt, Siegfried Wagner, Stefan Zweig, Adolf Loos und Thomas Mann, der ihm mit der Novelle „Der Tod in Venedig“ ein literarisches Denkmal setzte. In der Verfilmung der Novelle („Morte a Venezia“, 1971, Regie Luchino Visconti) ist Mahlers Musik zu hören, die auch zahlreiche heutige Filmmusik-Komponisten (wie etwa Ennio Morricone) beeinflusst hat.

Von Wien nach New York

Mahlers häufige Auslandsreisen erregten in Wien aber zusehends Kritik. 1907 führte eine ausgedehnte Konzerttour nach Berlin, Amsterdam und Frankfurt zu einer scharfen Pressekampagne gegen den Operndirektor, der auch mit sinkenden Einnahmen an seinem Haus zu kämpfen hatte. Zudem war das Bedürfnis Mahlers nach unabhängigem kreativem Schaffen mit seiner Funktion schwer zu vereinen. Ein Angebot, an der Metropolitan Opera New York als Kapellmeister zu arbeiten, kam für ihn also vermutlich zum passenden Zeitpunkt. 1907 brachte das Ende der Direktionszeit Mahlers in Wien – und einen schweren Schicksalsschlag für den Komponisten. Seine älteste Tochter Maria Anna verstarb an Diphtherie, er selbst erfuhr von seinem Herzleiden. Er reichte seinen Rücktritt ein und verabschiedete sich mit der Aufführung seiner Zweiten Symphonie am 24.11.1907 von Wien.

Die folgenden Jahre verbrachte Gustav Mahler als Pendler zwischen den Kontinenten. In den Wintermonaten dirigierte er in Amerika, im Sommer war er in Europa auf Konzertreisen und widmete sich dem Komponieren. Sein 50. Geburtstag wurde 1910 in München mit einem großen Fest und 3000 geladenen Gästen gefeiert. Mahler war in dieser Zeit jedoch schon ein kranker Mann. Zurück in Amerika verschlechterte sich sein Zustand immer mehr, er kehrte nach Europa zurück und starb am 18. Mai 1911 in Wien. Seine Grabstätte befindet sich am Grinzinger Friedhof, ebenso jene seiner Tochter Maria und seiner Frau Alma.

 

Ausstellung:
11.3.-3.10.2010, Gustav Mahler und Wien
Österreichisches Theatermuseum, Palais Lobkowitz, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien, www.khm.at/de/oesterreichisches-theatermuseum

Die Ausstellung widmet sich der Rolle, die Wien und seine Institutionen im Leben und Schaffen Gustav Mahlers spielten. Ebenso wird der Einfluss Mahlers auf Wien - von der Hofoperndirektion bis in die heutige Zeit – thematisiert. Einzelne Bereiche dokumentieren unter anderem Mahlers Studienzeit in Wien, seinen musikalischen Freundeskreis, seine Wanderjahre, sein Wirken als Hofoperndirektor und seine letzten Lebensjahre. Die Ausstellung kann auf die reichen Bestände zu Mahler in den Wiener Museen und Bibliotheken sowie auf eigene Bestände wie den künstlerischen Nachlass des Bühnenbildners Alfred Roller zurückgreifen. Mit der Ausstellung „Gustav Mahler und Wien“ werden die generalsanierten Räumlichkeiten im 1. Stock des Theatermuseums wieder eröffnet.

Adressen :

Ausführliche Infos zu Mahler 2010/11 unter www.mahler.wien.info

Wiener Staatsoper: Opernring 2, 1010 Wien, www.wiener-staatsoper.at
In der Staatsoper befindet sich ein Gustav Mahler-Saal (im ehemaligen Arbeitszimmer) und eine Gustav Mahler-Büste von Auguste Rodin (im Schwindfoyer).

Staatsopernmuseum: Hanuschgasse 3, 1010 Wien, www.wiener-staatsoper.at
Das Staatsopernmuseum veranschaulicht die Geschichte der Wiener Oper und spannt den Bogen vom ersten Direktor (Franz Freiherr von Dingelstedt) bis zum amtierenden (Ioan Holender). Eine besonders umfangreiche Dokumentation gibt es zu Leben und Schaffen der Direktoren Gustav Mahler und Herbert von Karajan.

Haus der Musik: Seilerstätte 30, 1010 Wien, www.hdm.at
Auf der den „großen Meistern“ gewidmeten 3. Etage im Haus der Musik befindet sich ein interaktiver Gustav-Mahler-Raum, der von seinem Großneffen Peter Mahler gestaltet wurde.

Friedhof Grinzing: An den langen Lüssen 33, 1190 Wien
Auf dem Grinzinger Friedhof befindet sich die Grabstätte Mahlers und seiner 1907 verstorbenen Tochter Maria Anna, der Grabstein wurde von Josef Hoffmann gestaltet. Schräg gegenüber sind Alma Mahler-Werfel (gest. 1964) und ihre Tochter Manon Gropius bestattet.

Wiener Konzerthaus: Lothringerstraße 20, 1030 Wien, www.konzerthaus.at
Gustav Mahler Gedenktafel

Arnold Schönberg Center:
Palais Fanto, Schwarzenbergplatz 6 (Eingang Zaunergasse 1), 1030 Wien, www.schoenberg.at
Eine Topadresse für Musikkenner: Im Archiv des Arnold Schönberg Centers befinden sich etliche Musikmanuskripte Gustav Mahlers sowie Briefe und Korrespondenzen.

Musikverein: Bösendorferstraße 12, 1010 Wien, www.musikverein.at
Das im Musikverein beheimatete Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde (www.a-wgm.at) ist eine reiche Quelle für Mahler-Interessierte.

Internationale Gustav Mahler Gesellschaft Wien:
Wiedner Gürtel 6, 1040 Wien, www.gustav-mahler.org
Die Internationale Gustav-Mahler-Gesellschaft Wien wurde 1955 auf Initiative der Wiener Philharmoniker gegründet. Die Website (in Deutsch und Englisch) bietet unter anderem eine umfassende Übersicht über die weltweiten Aufführungen der Werke Mahlers.

Gustav Mahler Jugendorchester: Goethegasse 1, 1010 Wien, www.gmjo.at
Das Gustav Mahler Jugendorchester ist das führende pan-europäische Jugendorchester, die Talentschmiede für europäische Orchestermusiker. Es wurde 1986 von Claudio Abbado (dem heutigen Musikdirektor), Thomas Angyan und Hans Landesmann gegründet.

Mahlerstraße (zwischen Kärntner Straße und Schwarzenbergstraße, 1010 Wien)
Die 1919 nach Gustav Mahler benannte Straße bei der Staatsoper hieß ursprünglich (nach ihrer Eröffnung 1861) Maximilianstraße, ab 1938 Meistersingerstraße und wurde 1946 wieder in Mahlerstraße umbenannt.

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